Konrad Adenauer: Leben und Politik by Recker Marie-Luise

Konrad Adenauer: Leben und Politik by Recker Marie-Luise

Autor:Recker, Marie-Luise [Recker, Marie-Luise]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783406623325
Herausgeber: C.H.Beck
veröffentlicht: 2016-01-25T16:00:00+00:00


Adenauer und Erhard auf dem Bundesparteitag der CDU in Düsseldorf,

28.–31. März 1965

Die Politik der Sozialen Marktwirtschaft konnte im Rahmen der «bürgerlichen» Koalition in Bonn, die den linken Flügel der CDU schwächte und den wirtschaftsliberalen Flügel zum Scharnier mit der FDP machte, dann erfolgreich praktiziert werden. Sie war nicht nur ein ordnungspolitisches Grundkonzept, das die Freiheit der Marktkräfte mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs verband, sondern bot zudem eine Plattform, um sich gegen die wirtschaftspolitischen Ansätze der SPD abzugrenzen und – nicht weniger wichtig – um ein Gegenmodell zu dem planwirtschaftlichen Sozialismus in der DDR präsentieren zu können. Gerade für Adenauers Wirtschaftspolitik spielte die ost-westliche Systemkonkurrenz eine zentrale Rolle.

Der spektakuläre Aufschwung im Rahmen des «Wirtschaftswunders» schuf nicht zuletzt auch die Voraussetzungen für die sozialpolitische Grundlagengesetzgebung sowie für die rasche politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Eingliederung der Heimatvertriebenen und der in den fünfziger Jahren weiterhin zuströmenden Flüchtlinge aus der DDR. Zwischen 1950 und 1960 verdoppelte sich das Bruttosozialprodukt und zwischen 1950 und 1963 die Nettoreallöhne – fast allen im Lande ging es immer besser. Der zunehmende Massenwohlstand ebnete tradierte Schichten- und Klassenunterschiede ein, veränderte Lebensstile und Arbeitswelt, bedeutete gerade für die unteren Einkommensgruppen den «Abschied von der ‹Proletarität›» (Josef Mooser). Der Weg in die Konsum- und Freizeitgesellschaft der sechziger Jahre zeichnete sich augenfällig ab.

Die Erfahrung, dass Demokratie und Wohlstand miteinander vereinbar waren, hat die Einwurzelung der neuen politischen Ordnung in Westdeutschland stark begünstigt und sozialen oder politischen Protest marginalisiert. Und diese Verbindung von funktionstüchtiger parlamentarischer Demokratie und Sozialer Marktwirtschaft verkörperte in hohem Maße der erste Bundeskanzler. Gewiss, Adenauer war kein «Erzieher zur Demokratie», er pflegte einen autoritären Führungsstil, ging nicht selten mit politischer Skrupellosigkeit vor und war von seinem Naturell her ein großer Polarisierer. Der Umgang mit anderen Verfassungsorganen, mit dem politischen Gegner, teils sogar mit den eigenen Parteifreunden war eher schroff und brüskierend und von der Absicht getragen, den eigenen Willen durchzusetzen. Dennoch ist dem Urteil Peter Graf Kielmanseggs zuzustimmen, dass ohne Adenauers Führungsleistung, ohne seine Fähigkeit, dem neugegründeten Staat eine Richtung zu weisen und Zustimmung zu mobilisieren, diese Anerkennung und breite Akzeptanz der neuen Staatsform nicht zu denken sei. Dass die zweite deutsche Demokratie in ihrem ersten Jahrzehnt von einem starken Kanzler regiert wurde, dem rasch eine überragende Autorität zuwuchs, habe ihr, bei allen Ambivalenzen im Einzelfall, geholfen und nicht geschadet.

Deshalb trifft die sogenannte Restaurationsthese auch nicht ins Schwarze, die Behauptung also, man habe die «Stunde Null» im Jahr 1945 nicht zu einer grundlegenden Neuordnung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft genutzt, sondern Traditionen und Entwicklungen, die aus dem späten 19. Jahrhundert, erst recht aber aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen, adaptiert und fortgesetzt. Gewiss, die Verfassungsväter und -mütter bezogen sich in der Beratung des Grundgesetzes in vielfacher Hinsicht auf die Weimarer Republik, tarierten die neue politische Ordnung jedoch so aus, dass zu Recht konstatiert worden ist, sie hätten «in wesentlichen Teilen einen radikalen Bruch mit der deutschen Verfassungsgeschichte … [vollzogen] und Kernelemente der angelsächsischen Tradition» aufgegriffen (Manfred Görtemaker). Dies setzte sich in der politischen Ausgestaltung der «Kanzlerdemokratie» durch Adenauer fort.



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